Hungertod in Wehnen

Am 01.07.2015 unternahm die Klasse 10e im Rahmen des Geschichtsunterrichts mit ihrem Geschichtslehrer Herrn Rosenfeld eine Exkursion zur „Alten Pathologie“ auf dem Gelände der heutigen Karl Jaspers Klinik.

Die „Alte Pathologie“ ist die ehemalige Leichenhalle der Heil- und Pflegeanstalt-Wehnen und seit April 2004 Gedenk- und Dokumentationsstätte für die Opfer der Euthanasie während des Nationalsozialismus. In der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt starben von 1936-1945 ca. 1500 Menschen aufgrund von Unterernährung einen sogenannten „Hungertod“, indem die Verpflegung der Anstaltspatienten immer weiter reduziert wurde. Die Verantwortlichen in Medizin, Pflege und Verwaltung begründeten dieses Vorgehen mit dem Prinzip der „Rassenhygiene“.

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Der Begriff der „Eugenik“, bereits 1883 geprägt durch Francis Galton, war ein Vorläufer der „Rassenhygiene“. Nach Galton sollte es Ziel der „Eugenik“ sein, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern und den Anteil negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern. Die menschliche Entwicklung würde dadurch in sozialer, ökonomischer und moralischer Hinsicht maßgeblich profitieren. Die Evolutionstheorie Charles Darwins wurde von dessen Cousin sozialbiologistisch umgedeutet; aus dem Darwinismus war der Sozialdarwinismus entstanden. Dies hatte zur Folge, dass bereits im 19. Jahrhundert – und damit deutlich vor dem Aufkommen des Nationalsozialismus – Wissenschaftler psychisch kranke Patienten als „minderwertig“ und „Ballastexistenzen“ abstempelten und Forderungen nach deren Tötung erhoben. In der Gesellschaft des Kaiserreiches und der Weimarer Republik herrschte die Meinung vor, dass „Arbeitskraft, Geduld und Vermögensaufwendung“ für die Erkrankten letztendlich ein nutzloser Aufwand seien. Nach dem Naturgesetz der Auslese müssten sie sterben.

Die „rassentheoretischen“ Vorstellungen der Nationalsozialisten und ihr Umgang mit behinderten Menschen basierten auf diesem Gedankengut. Beispielhaft hierfür ist die „Aktion T4“, eine systematische Ermordung von mehr als 70.000 Menschen (Kinder u. Erwachsene) mit geistigen und körperlichen Behinderungen.

Im Juli 1939 wurden dazu Vorbereitungen für die Euthanasie (griech.: schöner Tod) getroffen. Euthanasie bezeichnete die organisierte Tötung derer, deren Leben nach der NS-Ideologie „lebensunwert“ war. Am 01.September 1939 stellte Hitler Philipp Bouhler, dem Leiter seiner Kanzlei, und Karl Brandt, seinem chirurgischem Begleitarzt, den sognannten „Gnadentod-Erlass“ aus. Dieser beschränkte sich jedoch nicht nur auf „Minderwertige“ und „geistig Tote“, sondern forderte ausdrücklich auch die Tötung „unheilbar Kranker“. Demnach wurde auf eine Beseitigung von nicht arbeitsfähigen und somit „unproduktiven“ Menschen gezielt, die als „unbrauchbar“ angesehen wurden. Sie wurden in sechs Vernichtungsanstalten des Reiches in Gaskammern ermordet. Als 1941 die Vergasung, u.a. wegen des öffentlichen Protestes des Münsteraner Bischofs Graf von Galen, eingestellt wurde, ordneten die Anstaltsleitungen im gesamten Deutschen Reich Tötungen durch systematisches Verhungern sowie Vernachlässigung, fehlende medizinische Versorgung und Überdosierung von Medikamenten an. In den Jahren 1941/42 bis 1945 wurden auf diese Weise über 140.000 Menschen ermordet, neuere Forschungen sprechen sogar von 200.000 Opfern.

Das Euthanasieprogramm der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen beinhaltete überwiegend das Aushungern der Patienten, wodurch schätzungsweise insgesamt etwa 1500 Patienten in der Zeit von 1936 bis 1945 gezielt getötet wurden. Täglich bekamen die Patienten nur eine ganz dünne halbe Scheibe Schwarzbrot sowie Wassersuppe. Zeitzeugen berichteten, wie die Kranken „vor Hunger die Wände“ hochgegangen seien. Vor allem der Entzug von Fett führte nach wenigen Monaten zum Zusammenbruch des Herzkreislauf-Systems.

Unsere Exkursion begann mit einer Einführung von Dr. Ingo Harms, dem Leiter der Gedenkstätte, dessen Großmutter in der Heil-und Pflegeanstalt ermordet wurde. Der Vortrag handelte von dem Leid der Opfer, dem Vorgehen der Verantwortlichen und der „Aktion-T4“. Danach besuchten wir die „Alte Pathologie“, ein kleines, kreuzförmiges Backsteinhaus, das seit 1890 als Leichenhalle diente und in dem 1934 ein Sezierraum eingerichtet wurde. Hier ist heute eine Ausstellung untergebracht, die das damalige Geschehen dokumentiert. U.a. konnten wir in den „Roten Büchern“ lesen. Sie enthalten die Lebens- und Leidensgeschichte einzelner Patienten, die in Wehnen den Tod fanden. Zum Schluss besuchten wir die Trauer- und Gedenkanlage auf dem angrenzenden Friedhof Ofen. Hier wurde damals rund die Hälfte der Ermordeten „verscharrt“. Auf diesem Stück Friedhof liegen auch ein weißes Steinkissen aus Marmor mit Inschrift, das der Erinnerung dient sowie weiße Kiesel, die für jeden der Ermordeten stehen. Angehörige von Opfern oder „Paten“ können in die Steine die Personalien von Opfern eingravieren lassen.

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Der Besuch in der Gedenkstätte „Alte Pathologie“ war sehr interessant, da wir durch den Vortrag von Dr. Ingo Harms viel über das Geschehen in der Heil- und Pflegeanstalt erfahren haben. Mit den Lebensgeschichten ehemaliger Patienten wurde den Opfern ein Gesicht gegeben.

Während des Vortrags wurden aber auch einige Fakten genannt, die uns ziemlich beunruhigt haben, z.B. dass Ärzte die Gaskammern entwickelt haben und die Tatsache, dass Anwohner der Anstalt in Wehnen wussten, was mit den „Unbrauchbaren“ passierte, es ihnen aber „egal“ war.

Durch diese Exkursion wurde uns das Geschehen in der Heil- und Pflegeanstalt zur Zeit des Nationalsozialismus erläutert, was unsere Sicht auf die Klinik und auf Oldenburg verändert hat. Wir konnten sehr anschaulich erfahren, dass in unserer Heimatstadt aktiv Euthanasie betrieben wurde und keiner etwas dagegen unternommen hat.

Solche Exkursionen werden aus vielen Gründen unternommen. In erster Linie, um das im Unterricht Gelernte konkret nachzuerleben und damit einen persönlicher Bezug zu den historischen Ereignissen erlangen zu können. Außerdem gibt man den Opfern ihre Identität und Würde zurück, wenn man sich mit ihrem Schicksal beschäftigt. Indem wir Kenntnisse über das historische Geschehen eines Ortes erlangen, kommen wir auch zu einer neuen Sichtweise über den Ort, wodurch vielleicht auch eine Art Mahnung an uns selbst entstehen kann, die da „besagt“, dass wir aufpassen sollen: So etwas darf nicht wieder vorkommen und so etwas muss verhindert werden!

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Wichtige Hintergrundinformationen habe ich der Doktorarbeit von Ingo Harms entnommen:

Ingo Harms, „Wat mööt wi hier smachten“, Oldenburg 2008.

Meret Deditius, Klasse 10e