„Das sieht ja ein Blinder!?“ – Ein Projekt der AG Inklusion

Wie ist es eigentlich möglich, blind am Leben teilzunehmen? Wie fühlt es sich an, wenn man nicht mehr sieht, was um einen herum passiert? Wir wollten es in einem Selbstversuch erleben.

Wie auch im letzten Projekt wurden wir dabei vom Blindenverein in Oldenburg unterstützt. Die dortige Vorsitzende, Frau Hirschberger, ist seit 14 Jahren erblindet und geht als „Blindling“ durch die Welt. Dabei ist sie uns „Sehlingen“ sehr zugetan und unterstützte uns auch bei unserer neuen Aktion tatkräftig.

Am 18.11.2014 und am 20.11.2014 führte Herr Behrends (Gästeführer in Oldenburg) jeweils eine Schülergruppe am Nachmittag auf einer Tastführung durch die Innenstadt.

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Zuerst wurden wir von ihm, Frau Groschang, Frau Hirschberger und ihrem Begleiter begrüßt. Frau Hirschberger zeigte uns gleich, was bei einer Führung wichtig ist: Wie habe ich den besten Kontakt zu der mich führenden Person? Worauf muss der Führende achten, wenn er mich führt?

Und schon ging es los! Die Hälfte der Anwesenden wurde blind gemacht. Frau Groschang zog diverse Schals und Masken aus ihrem Rucksack und schon war es dunkel. Puh! Jetzt wurde es schwierig, denn wir waren nicht die einzigen auf dem Schlossplatz. Die Hütten für den Weihnachtsmarkt wurden aufgebaut und wir mussten uns sehr konzentrieren, um der Stimme von Herrn Behrends zu folgen. Bis eben kannten wir ihn noch gar nicht und im nächsten Moment war er der wichtigste Mensch in unserer Umgebung. Sehr schnell wurde die Gruppe ruhiger, denn Lärm lenkt nur ab! Und wir brauchten unsere volle Konzentration, denn schon nach einer kurzen Runde des Tastens verschiedener typischer Produkte aus dem alten Oldenburg wurden wir die Schlossstufen hinaufgeführt. Alles klappte gut, keiner stolperte oder stieß sich an einer Tanne, deren Zweige auf Kopfhöhe im Wege waren.

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An der Mauer des Schlosses gab es etwas zu fühlen… Löwenköpfe? Fabelwesen? Die hatten wir vorher noch nie bemerkt! An der Fassadenmauer fühlte man sich gleich sicherer: Hier konnte einem nichts passieren. Aber Herr Behrends wollte weiter. Durch die Aufbauten des Marktes ging es zur alten Wache. Der Weg kam uns relativ lang vor – und was da alles auf dem Boden lag! Kabelstränge, die wir sonst kaum beachten, wurden blind zum Hindernis und andere Dinge (Müll!) auch. Nicht alle konnten sich auf die interessanten Ausführungen von Herrn Behrends konzentrieren, denn man war ja mit dem „Blind-sein“ beschäftigt!

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Die Alte Wache wirkte riesig: Mit drei Leuten konnten wir eine der dorischen Säulen umfassen. Die nächste Herausforderung war sehr besonders: Wir mussten, um einen Passage durchqueren zu können, vor oder besser hinter unserer Führungsperson gehen – und selbst das war sehr eng. Aber alle kamen unbeschadet durch die Engstelle und natürlich machte der Nervenkitzel auch Spaß. Wir waren an besonderer Stelle gelandet und standen „auf“ dem Flusslauf der Haaren. Das klingt vielleicht falsch, aber so war es! Die Oldenburger Flusslandschaft wurde in diesem Bereich überbaut, damit beispielsweise die LZO errichtet werden konnte und wir haben dies mit unseren Füßen spüren können.

Irgendwann überquerten wir eine Straße und wir „Blindlinge“ wussten nun überhaupt nicht mehr, wo wir überhaupt waren. Da hieß es: Vertrauen haben und weitergehen! Frau Hirschberger war natürlich die lockerste Teilnehmerin unter uns, also wollten wir das auch hinbekommen.

Und plötzlich waren wir im „Schlauen Haus“, dem wahrscheinlich ältesten Haus der Stadt, das aber innen ganz super modern ist. Wir lernten zunächst alte Dinge kennen und erlebten dann die neue Isolation des Hauses. Wir „Blindlinge“ meinten zwar, den Straßenlärm deutlich zu hören, doch als Herr Behrends die Tür öffnete, wurde uns klar, was „laut“ wirklich heißen kann…

Dies war der Zeitpunkt, um die „Sehlinge“ zu „Blindlingen“ zu machen und umgekehrt.

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Unser Weg führte uns noch zu einer Hintertür der alten Stadtmauer und zum Pulverturm, bis wir schließlich an der Lambertikirche landeten. Eine Geschichte sei noch erwähnt. Im Mittelalter befand sich der Friedhof direkt neben der Kirche. Dort begrub man die Toten in einem Tuch, welches man aber wieder mit nach Hause nahm. Der Leichnam wurde nicht tief begraben und nachts kamen dann die Schweine, die in der Stadt herumliefen, um… Naja, vielleicht erwähnen wir das an dieser Stelle doch nicht.

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Da hört sich doch Folgendes besser an: Zum auswertenden Nachgespräch kehrten wir ins Eiscafé San Marco ein, wo wir bei einem heißen Kakao, der uns ebenfalls gesponsert wurde, miteinander und vor allem mit Frau Hirschberger ins Gespräch kamen. Sie ist sehr offen und lustig, sodass wir ohne Mühe einen sehr interessanten Austausch erleben durften. Wir können euch nicht erzählen, was wir daraus alles mitnehmen, dazu müsstet ihr auch einmal blind gewesen sein. Eines wurde uns aber sehr deutlich: Blind zu sein ist anstrengend und verlangt planvolles Vorgehen. Ruhe hilft bei der Konzentration (und tut auch den Sehlingen gut…J), Ordnung ist absolut wichtig. Und: Blinde können sehen – nur anders.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Frau Hirschberger vom Blindenverband Oldenburg und bei Frau Jungkunz, Leiterin der Fachstelle für Inklusion in Oldenburg, die das Projekt finanziell ermöglichte.

 

Für die AG Inklusion, P. Groschang