Miteinander voneinander unbehindert lernen – Ein Projekt der 5. Klassen des GEO

Wie fühlt es sich an, wenn man plötzlich nicht mehr gut hört, fast nichts mehr sieht, nicht mehr gehen kann, fast doppelt so schwer ist? Wie bringe ich als Lehrer oder Lehrerin einem blinden Schüler Bruchrechnen bei?

„Ich fühle mich echt ausgegrenzt von den anderen und bin wirklich echt froh, wenn ich die Brille nach der Pause wieder ablegen kann“, seufzte eine Schülerin am Ende der großen Pause. Das Mädchen aus der 5c hat eine Brille getragen, die sie fast blind hat werden lassen. Dadurch „sah“ ihr Schulalltag plötzlich ganz anders aus. Das Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel für Blinde und vor allem das Blinden-Domino-Spiel hatten ihr dank einer „schwerhörigen“ Mitschülerin und einer weiteren Freundin die Pause verkürzt, aber ein Spielen wie sonst war nicht möglich. Und das – so fanden die meisten – war auch gut so. „Wir haben Erfahrungen gemacht, die wir sonst nie gemacht hätten“, sind sich die Schülerinnen und Schüler sicher.

Alle Kinder des 5. Jahrgangs hatten sich vom 19.-22.5.14 darauf eingelassen, an einem Inklusionsprojekt teilzunehmen. Eigentlich ist ja jede Klasse bereits „inklusiv“, denn verschiedene Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Hemmnissen, Einschränkungen und Stärken bevölkern schließlich jede normale Klasse. In unserem Projekt sollten jedoch anerkannte Behinderungen simuliert werden, die den Inklusionsgedanken weiter öffnen und für alle Teilnehmer erfahrbar werden lassen.

Ausgestattet mit Simulationsbrillen, Blindenstock, Hörgeräten, Schallschutzkopfhörern, Ohrstöpseln, Rollstühlen und Gewichtswesten bewegte sich am Montag, den 19.5.14, die eine Hälfte der Klasse 5a auf neuem Terrain. Als „Behinderte“ nahmen sie am Unterricht teil und verlebten eine große Pause, um anschließend die Rollen innerhalb der Klasse zu tauschen. Am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag folgten die anderen 5. Klassen.

Auf Hilfe angewiesen zu sein, Ausgrenzung zu erleben, besondere Aufmerksamkeit zu erleben oder auch bissige Kommentare zu ertragen, Türschwellen als unüberwindbares Hindernis zu erfahren und die benötigte Stärke beim Öffnen von Schultüren aufzubringen war anstrengend, interessant und auf keinen Fall langweilig. Mit Hochachtung wurde im Anschluss von der Leistung behinderter Menschen gesprochen, die im Alltag oft mehr Zeit, mehr Ruhe, mehr Kraft und Geduld benötigen, um an sie gestellte Aufgaben zu bewältigen.

Nina Rühaak, einer Schülerin des 11. Jahrgangs, die sich bereits in unserer Schul-AG „All inclusive?!“ und in der städtischen Steuerungsgruppe Inklusion engagiert, war es wichtig, dass alle Beteiligten mit in den Inklusionsprozess einbezogen werden. Auch die Kinder und Jugendlichen, alle Beteiligten der Schule sollen erleben wie es ist, mit Menschen mit Behinderung/Beeinträchtigung den Alltag zu teilen.

Für die Lehrerinnen und Lehrer war das Unterrichten plötzlich nicht mehr wie üblich möglich und stellte neue und anspruchsvolle Anforderungen. Ein großer Dank sei deshalb an dieser Stelle den engagierten Lehrkräften gezollt, die – ohne zu zögern – dem Projekt zugestimmt haben. Außerdem wurde deutlich, dass es Inklusion nicht zum Nulltarif geben kann. Unter den jetzigen Rahmenbedingungen ist nicht jeder Unterricht für alle möglich und schon gar nicht von einer Lehrperson alleine zu bewältigen.

Eine Meinung zeichnete sich unter den beteiligten Lehrkräften ab:

Vieles ist möglich – aber eben nicht alles.

 

Andrea Ellerbeck, Petra Groschang, Nina Rühaak